A Treasury of Mahāyāna Sūtras: Selections from the Mahāratnakūṭa Sūtra
The Pennsylvania State University Press, University Park and London 1983

Aus Kapitel 15, "The Definitive Vinaya", 優波離會, S. 271 ff.            


Übersetzung von Detlev Bölter

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Der Buddha sprach zu Mañjuśrī, "Erläutere uns die genaue Bedeutung der [endgültigen] Grundsätze [für Mönche]. Upāli möchte sie kennen lernen."
Mañjuśrī, der Dharma-Prinz, wandte sich an Upāli:

"Wenn der Geist ohne Bewegung ist, ist auch in den Erscheinungen [dharmas] keine Aktivität. Das ist der ultimative Grundsatz.
"Ist der Geist unberührt und haftet nirgends an, besitzt keine Erscheinung ein objektives Selbst. Das ist der Grundsatz, nach dem es nichts zu bedauern gibt.
"Ist der Geist nicht von falschen Vorstellungen verwirrt, sind alle Erscheinungen von Natur aus rein. Dies ist der oberste Grundsatz.
"Ist der Geist leer von jeglicher Vorstellung, sind alle Erscheinungen so, wie sie sind. Dies ist der Grundsatz der Reinheit.
"Trifft der Geist keine Unterscheidungen, entsteht weder eine Erscheinung noch vergeht sie. Dies ist der Grundsatz der Unfassbarkeit.
"Vergeht der Geist von Augenblick zu Augenblick, bleibt keine Erscheinung bestehen. Dies ist der Grundsatz der Reinigung im Entstehen dinglicher Existenz.
"Ist der Geist frei von jeglicher Benennung, bleiben alle Erscheinungen leer. Dies ist der Grundsatz der innerlichen Transzendierung [von Unterschieden].
"Erscheinungen besitzen keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft, da sie etwas Unbegreifliches sind. Dies ist der Grundsatz der Gleichheit der drei Zeiträume.
"Wenn der Geist frei von Unterscheidungen ist, kann sich keine Erscheinung manifestieren. Dies ist der Grundsatz der dauerhaften Zerstreuung von Zweifel.

"Upāli, dies sind die ultimativen Grundsätze über die Welt der Erscheinungen, durch die Buddhas Buddhaschaft erlangten. Man mag rechtschaffen sein, maßt man ihnen jedoch keine Bedeutung zu, hat man sich weit von den Geboten des Tathāgata [Buddha] entfernt."

Daraufhin sprach Upāli zum Buddha, "Von der Welt Verehrter, was Mañjuśrī hier lehrt, ist unbegreiflich."

Der Buddha sprach zu Upāli, "Mañjuśrī erläutert die Welt der Erscheinungen aus der Sicht einer über alle Begriffe hinausgehenden, grenzenlosen Befreiung. All seine Lehren künden von dem Loslassen mentaler Inhalte und deshalb von der Befreiung des Geistes. Er bringt damit die Überheblichen dazu, ihre Überheblichkeit aufzugeben."
Upāli fragte den Buddha, "Worauf gründet sich die Überheblichkeit von Mönchen oder Bodhisattvas?"
Der Buddha antwortete: "Denkt ein Mönch, dass er die Gier überwunden hat, ist er überheblich. Denkt er, er hat Hass und Unwissenheit überwunden, ist er überheblich. Ist er der Meinung, dass Gier, Hass und Unwissenheit verschieden sind von Buddhaschaft, ist er überheblich. Besteht er darauf, etwas erreicht zu haben, etwas erkannt zu haben oder befreit zu sein, ist er überheblich. Er ist es auch dann, wenn er behauptet, Leere, Formlosigkeit oder Wunschlosigkeit zu empfinden oder das Nichtentstehen oder die Unbewegtheit [von Erscheinungen] wahrzunehmen. Wenn er behauptet, die Existenz der Erscheinungen oder deren Vergänglichkeit wahrzunehmen oder sagt, 'Wozu Praktizieren, wenn doch alle Erscheinungen leer sind?', ist er überheblich. Upāli, darauf gründet sich die Überheblichkeit eines Mönches.
"Und worauf gründet die Überheblichkeit eines Bodhisattva? Wenn ein Bodhisattva denkt, er solle allumfassende Weisheit anstreben, ist er überheblich. Er ist es, wenn er denkt, er solle sich in den sechs Grundtugenden [pāramitās] üben. Desgleichen, wenn er sagt, 'Es hängt nur vom Erreichen der Weisheit [prajñā pāramitā] ab, ob man Befreiung erlangt, auf anderem Weg ist es nicht möglich.' Behauptet er, die eine Grundregel sei maßgeblich und eine andere nicht, ist er überheblich, ebenso, wenn er behauptet, die eine Regel sei von reiner Art und eine andere nicht. Sagt er, diese Regel sei den Buddhas zuzuordnen, jene den Erwachten ohne das Wesen eines Bodhisattva [pratyekabuddha] und wieder eine andere den Mönchen, ist er überheblich. Sagt er, dieses sollte man tun und jenes nicht, diese Regel sei wesentlich [für das Erwachen] und jene nicht, ein bestimmter Weg sei der richtige und ein anderer nicht, ist er überheblich. Und auch dann, wenn er fragt, 'Kann ich höchste Erleuchtung möglichst schnell erreichen?' oder wenn er sagt, 'Alle Erscheinungen sind im Wesen unfassbar, und nur ich verstehe sie.' Und er ist überheblich, wenn er die unvergleichliche, höchste Erleuchtung anstrebt und sich nichts anderem mehr widmet. Darauf gründet sich die Überheblichkeit eines Bodhisattva."

Dann fragt Upāli den Buddha, "Von der Welt Verehrter, wie kann ein Mönch frei werden von Überheblichkeit?"

Der Buddha antwortete Upāli, "Wenn er keinerlei Lehrmeinungen anhaftet, dann ist er frei von Überheblichkeit, selbst wenn das unbegreiflich erscheint."
Um das Gesagte zu vertiefen, fuhr der von der Welt Verehrte in Versen fort:

"Alle Worte entstehen wie spielerisch im Geist,
Man darf keinen Unterschied machen zwischen dem,
Was Dharma ist und was nicht.
Wer den Dharma als etwas Unbegreifliches ansieht,
Wird allzeit froh in der Welt verweilen. Fehlgeleitete Wesen, gewöhnliche Menschen,
Sie werden von ihrem Geist herumgeführt,
Für Ewigkeiten [kalpas] kreisen und kreisen sie
In den Welten der äußeren Erscheinungen [saṁsāra].
Es ist wirklich vom Verstand nicht zu fassen,
Dass das Wesen der Erscheinungen
Ohne Selbstnatur ist.

Denkt ein Mönch stets an die Buddhas,
Sind seine Gedanken nicht angemessen
Und seine Achtsamkeit geht fehl.
Gärten voller herrlicher Blumen
Paläste, die vor Juwelen funkeln -
Diese [himmlischen] Dinge sind von niemandem erschaffen,
Sie alle entstehen aus dem unterscheidenden, verirrten Geist.

Die Welt wird von fiktiven Erscheinungen getäuscht
Sie verwirren den, der an ihnen hängt.
Man macht Unterschiede zwischen den Illusionen
Man akzeptiert sie oder lehnt sie ob,
Und doch sind sie auf die gleiche Weise leer. 
Ich sage, der höchste Nutzen für der Welten
Liege im Streben nach Erleuchtung
Jedoch, in Wahrheit ist Erleuchtung unbegreiflich
Und da ist niemand, der danach streben könnte.

Die Natur des Geistes ist stets rein und strahlend;
Unbefleckt von Falschheit oder Leidenschaft und wahrhaftig.
Gewöhnliche Menschen unterscheiden und haften an
Doch von Beginn an gab es nichts, 
Was verunreinigt werden könnte.

Alle Erscheinungen ruhen stets unbewegt in ihrer Selbstnatur
Wie kann es da Gier, Hass und Unwissenheit geben?
Wer keinen Ort sieht, um Gier zu entfachen oder der Leidenschaft abzuschwören,
Von dem sagt man, er habe Nirvana erreicht.
Niemandes Geist ist wirklich befleckt,
Deshalb ist das große Erwachen möglich.

Im meinem Bemühen, in all den Übungen im Dharma
Und in zahllosen Kalpas
Habe ich Myriaden fühlende Wesen befreit.
Doch Wesen an sich sind etwas Unbegreifliches,
In Wirklichkeit wurde niemand je befreit.

Würde ein großer Zauberer
Eine magische Zahl, Billionen von Wesen erschaffen
Und sie wieder zerstören,
Nichts Böses oder Gutes wäre
Diesen Wesen je geschehen.

Alle Wesen sind illusorischer Natur, wie Magie,
Da sind weder Grenzen noch Schranken.
Wer um dieses Fehlen von Grenzen weiß,
Wird niemals müde des Lebens in dieser Welt.
Für den, der um diese Wirklichkeit aller Dinge weiß,
Ist beständige Verstrickung im saṁsāra
Gleichbedeutend mit Nirvana.

Inmitten des Verlangens ist er unbefleckt,
Und nur um das Leid fühlender Wesen zu lindern
Spricht er von Entsagung vom Verlangen.
Der von größtem Mitgefühl Erfüllte dient allen Wesen,
Doch in Wirklichkeit gibt es weder eine Person noch Leben.

Fühlenden Wesen Nutzen zu bringen, ohne sie als real zu sehen -
Ist schwierig, in der Tat, ein großes Kunststück.
Man kann ein Kind trösten, ihm eine leere Faust zeigen,
Sagen, darin sei etwas Schönes,
Auch wenn das Kind erneut zu weinen beginnt,
Wenn die Hand sich öffnet und nichts enthält.
Auf diese Weise trösten die unbegreiflichen Buddhas
Die Wesen auf geschickte Weise.

Wissend, die Natur der Erscheinungswelt ist leer,
Erschaffen sie Begriffe zum Wohle der Welt.
Mit Freundlichkeit und Mitgefühl drängen sie dich;
'In meinem Dharma liegt höchstes Glück.
Verlass dein Haus
Und gib die auf, die du liebst!
Dann erntest den herrlichen Lohn
Nach denen sich ein Śramaṇa [Asket] bemüht.'
Nachdem jemand seine Familie verlässt
Und ernsthaft den Dharma praktiziert,
Erreicht er dadurch letztlich Nirvana.

Dann sinnt er ausführlich
Über die wahre Natur der Erscheinungen.
Zu seinem Erstaunen entdeckt er,
Dass keinerlei Lohn zu erwarten ist.
Kein Lohn, und doch ist Erkenntnis erlangt!
Ehrfürchtig beginnt er zu staunen:
'Wie wunderbar ist es,
Dass der mitfühlendste Löwe unter den Menschen [der Buddha]
Den Dharma so geschickt zu lehren vermag,
In Einklang mit der Wirklichkeit.

Alle Erscheinungen sind wie leerer Raum,
Doch er erstellt zahlreiche Begriffe, Wörter und Lehren.
Er spricht von Meditation und Befreiung,
Von Pfaden, Kräften und Erleuchtung.
Doch, von allem Anfang an,
Entstanden niemals Pfade und Kräfte,
Und es gibt weder Meditation noch Erleuchtung.

Formlos, ohne Konturen und unverständlich,
Diese Dinge sind nichts als geschickte Mittel
Um den Menschen das Licht zu bringen.
Wenn ich von den Übungen spreche, die zur Erkenntnis führen,
Meine ich die Lösung von jeglicher Form.
Behauptet jemand, er habe irgend etwas erreicht,
Ist er weit entfernt von des Śramaṇas Lohn.

Keine Erscheinung besitzt eine Selbstnatur,
Was also gäbe es zu erkennen?
Die so genannte Erkenntnis hat mit Erreichen nichts zu tun,
Dies zu verstehen nennt man Erkenntnis.

Von denjenigen, die den Lohn erlangten,
Sagt man, sie seien erhaben.
Doch ich sage, kein Wesen wurde je geboren.
Wenn also niemals ein Wesen gab,
Wie kann da jemand sein, der einen Lohn empfängt?

Wurde kein Same gesät,
Wie kann sich irgend ein Sprössling ausbreiten,
Und sei das Feld auch noch so fruchtbar?
Woher soll Erkenntnis kommen,
Wenn es kein fühlendes Wesen gibt?

Alle Wesen sind von Natur aus unbewegt,
Und niemand kann ihren Ursprung finden.
Wer diese Lehre versteht
Wird immer im Parinirvāṇa [endgültiges Nirvana] verbleiben.

Von den zahllosen Buddhas der Vergangenheit
Konnte keiner fühlende Wesen erlösen.
Würde es fühlende Wesen tatsächlich geben,
Hätte keines Nirvana erreichen können.

Alle Phänomene (dharmas) sind unbewegt und leer,
Niemals ist ein Phänomen entstanden.
Wer alle Erscheinungen auf diese Weise sehen kann,
Hat bereits die Drei Bereiche überschritten.

Darin besteht die grenzenlose Erleuchtung der Buddhas -
Auch wenn letztlich darin nichts existiert.
Verwirklicht jemand diese Lehre,
Dann ist er frei von jedem Verlangen."