Essler, Wilhelm K.

'Das Diamant-Sūtra - Versuch des Ermittelns einer Urfassung'

Goethe-Universität, Frankfurt am Main 2015

http://www.w-k-essler.de/pdfs/Bd.Ph. - X. -.pdf


Quelltext Sanskrit, 'Vajracchedikā Prajñāpāramitā Sūtra' (Version Edward Conze):



1

So hab' ich es gehört: Zu einer Zeit weilte der Bhagavan bei Śrāvastī im Sieger-Hain, dort im Kloster Anāthapiṇḍada's. Mit ihm hielt sich dort damals auch ein großer Kreis von Bhikus auf, bestehend 1.250 Bhiksus, [unter ihnen] auch viele Bodhisattvas, [somit] Mahāsattvas.

[An einem dieser Tage] bekleidete sich der Bhagavan früh am Morgen, warf sich den Mantel über, nahm seine [Almosen-] Schale, begab sich nach Śrāvastī, [und betrat] diese Großstadt, um hier Almosen zu sammeln. Nachdem er dann [das dabei an Essensresten des Vortags Erhaltene] verspeist hatte, kehrte er von diesem Rundgang [durch Śrāvastī] zurück [ins Kloster].

Dort legte er den Mantel und die Schale ab, wusch sich die Füße, und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf eine für ihn vorbereitete Sitzmatte. Seinen Körper hielt er dabei aufrecht; und achtsam festigte er seine Aufmerksamkeit nach vorne hin.

Daraufhin begaben sich viele Bhiksus hin zu dem [Platz], an dem der Bhagavan da weilte, begrüßten seine Füße mit ihren Häuptern, umrundeten ihn dreimal, ihm dabei ihre rechte Seite zukehrend, und setzten sich sodann ihm zur Seite nieder.



2-1

[Bald danach] begab sich [auch] der Ehrwürdige Subhūti zu dieser Versammlung; und er setzte sich [neben die anderen Bhiksus] hin. ..., erhob er sich von seinem Sitzplatz, warf seinen Mantel über die eine Schulter, kniete sich mit dem rechten Knie auf den Boden, faltete seine Hände, und richtete sie zum Bhagavan hin aus.

2-2

"Wunderbar ist es, o Bhagavan, ja, ganz außerordentlich wunderbar es, o Sugata, wie durch den Tathāgata –den Arhat, den Samyaksabuddha– [all] den Bodhisattvas –[diesen] Mahāsattvas– mit großer Unterstützung geholfen worden ist, wie sie durch ihn mit großem Beistand gefördert worden sind!

[Mich betreffend wie auch andere, die sich nach einer solchen Unterstützung und nach einer solchen Förderung sehnen, bitt' ich nun:] Wie sollte [daher –um ebenfalls einen solchen hohen Zustand zu erreichen–] ein Sohn oder eine Tochter von guter Herkunft, der oder die in den Bodhisattvayāna eingetreten sind, sich verhalten, wie sollten er oder sie [dabei] vorangehen, wie sollten er oder sie [dabei] seine oder ihre Geisteszustände in den Griff bekommen?"

2-3

"Ja, so ist es, wie du es sagst, Subhūti: Der Tathāgāta hat den Bodhisattvas –[diesen] Mahāsattvas– so geholfen und sie so gefördert. Darum, Subhūti, höre nun gut und aufmerksam zu! [Denn] ich werde dir [nun in der jetzt gebotenen Kürze] darlegen, wie solche, die den Weg der Bodhisattvas angetreten sind, sich verhalten sollen, wie sie vorangehen sollen, wie sie [dabei und dadurch] ihre Geisteszustände in den Griff bekommen [können]!"

2-4

"So werd' ich [zuhören], o Bhagavan!"



3

"Subhūti! Jemand, der in den Bodhisattvayāna eingetreten ist, sollt' in seinem Geist diese [Grundhaltung] hervorbringen: 'So viele Lebewesen, wie im Bereich der Lebewesen in [den verschiedenen Arten des] Geborenwerdens –bezeichnet dann mit 'Lebewesen' – gibt, sei's mit Gestalt oder sei'sohne Gestalt, sei's mit Unterscheidung[sfähigkeit] oder sei's ohne Unterscheidung[sfähigkeit] oder sei's weder mit noch ohne Unterscheidung[sfähigkeit], soweit irgendeine erfassbare Gestalt von Lebewesen erfasst wird: Sie alle muss ich zum Nirvana führen, zu diesem Bereich des Nirvana, das nichts zurückbehält. Aber wiewohl unüberschaubar viele Lebewesen danach auf solche Weise zum Nirvana geleitet worden sind, ist [–ganz genau genommen–] überhaupt kein Lebewesen zum Nirvana geführt worden!' 

Warum ist dies so? Einer, der [mit entsprechenden Begriffen, die in ihm verankert sind] – wie: 'Selbst' und 'Lebewesen' wie auch: 'Lebenskraft' und 'Individuum' – Unterscheidungen fällt, der darf nicht als ein Bodhisattva erachtet werden."



4-1

4-2

4-3

"Subhūti! [Mit der so erfolgenden Geisteshaltung] sollte [daher] ein Bodhisattva, der eine Gabe spendet, sich dabei nicht auf Dinge [oder auf deren Eigenschaften] oder auf sonst was [stützen]: nicht auf [Seh-Gegenstände als] Gesehenes, nicht auf [Hör-Gegenstände als] Gehörtes, nicht auf [Riech-Gegenstände als] Gerochenes, nicht auf [Schmeck-Gegenstände als] Geschmecktes, nicht auf [Tast-Gegenstände als] Getastetes, nicht auf [Denk-Gegenstände als] Gedachtes. 

Denn, Subhūti, der Bodhisattva –[als ein] Mahāsattva– sollte Gaben auf eine Art spenden, dass er sich dabei nicht auf ein –wie auch immer geartetes– Unterscheiden stützt. Er sollte dies deswegen nicht machen, weil dann, indem er solcherart ungestützt spendet, die Anhäufung seines Verdienstes nicht leicht zu ermessen ist.

Was meinst du, Subhūti: Ist die Ausdehnung des Raums nach Osten, nach Süden, nach Westen, nach Norden, nach unten, nach oben, nach den Zwischenrichtungen, [kurz gesagt:] nach allen zehn Himmelsrichtungen rundherum messbar?"

4-4

"In keiner Weise!"

4-5

"In vergleichbarer Weise ist auch die Anhäufung des Verdienstes eines Bodhisattvas, der ungestützt [auf ein angebliches Sein des Erscheinenden] eine Gabe spendet, nicht leicht zu ermessen. Und deswegen, Subhūti, sollten solche, die in den Bodhisattvayāna eingetreten sind, Gaben spenden, ohne sich dabei auf ein begrifflich erfolgtes Unterscheiden [als angeblich begriffsunabhängig bestehende Unterschiede] zu stützen."



5-1

"Was meinst du, Subhūti: Kann der Tathāgāta durch ihm zukommende Merkmale gesehen werden?"

5-2

"Nein, o Bhagavan! 

Denn –so hat dies der Tathāgāta gelehrt– was da [–im Sinn des üblichen Sprachgebrauchs–] ein Besitzen von Merkmalen ist, das ist im eigentlichen Sinn ein Nicht-Besitzen von Merkmalen!"

5-3

"Was da [im üblichen Sinn] ein Besitzen von Merkmalen ist, das ist Täuschung; was da [hingegen im eigentlichen Sinn] ein Nicht-Besitzen von Merkmalen –und, mehr noch: was Nicht-Merkmale!– sind, das ist keine Täuschung. Daher ist der Tathāgāta als einer zu erachten, dessen Merkmal [eben diese] Merkmalslosigkeit ist."




6-1

6-2


Essler: "Meiner Sicht nach ist der Abschnitt [6] ein –wohl von Schülern Nāgārjuna's erfolgter– Einschub, jedenfalls einer, der ein halbes Jahrtausend nach dem Tod Buddha Śākyamuni's vorgenommen worden ist. Daher lass' ich ihn gänzlich weg."




7-1

"Subhūti! Gibt es irgendeine Gegebenheit, die der Tathāgāta als die unübertreffliche vollständig-vollendete Erwachung des richtig vollendet Erwachten vollständig [kennt und] weiß? Gibt es eine [solche] Gegebenheit, die der Tathāgāta [als bestehend] nachgewiesen hat?"

7-2

"So, Bhagavan, wie ich das vom Bhagavan Gesagte verstanden habe, gibt es keine Gegebenheit, die der Tathāgāta als die unübertreffliche vollständig-vollendete Erwachung des richtig vollendet Erwachten vollständig [kennt und] weiß. Denn diese Gegebenheit, die der Tathāgāta vollständig weiß oder [jedenfalls] nachgewiesen hat, kann nicht erfasst werden, [sie kann nicht ergriffen werden, sie kann nicht begriffen werden], über sie kann nicht gesprochen werden; sie ist [daher eigentlich] weder eine Gegebenheit noch eine Nicht-Gegebenheit. Denn das Nicht-mehr-zu-Beschreibende überhöht den Edel-Menschen!"




8-1

8-2

8-3


Essler: "In diesem Absatz [8] wird versucht, den Absatz [4] zu übertrumpfen, dies jedoch nicht durch bessere Argumente, sondern durch größere Anzahlen; inhaltlich hingegen fällt er gegenüber [4] merklich ab. Daher seh' ich ihn als einen später erfolgten Einschub an.

Wichtig ist es noch, den Abschluß-Satz von [8] im Auge zu behalten, in D: 'Der Tathāgāta hat gelehrt, dass die besonderen Gegebenheiten der Buddhas nicht besondere Gegebenheiten der Buddhas sind, weswegen sie 'besondere Gegebenheiten der Buddhas' genannt werden": Dunkle Aussagen dieser Art zeigen an, dass hier mit dem halbverstandenen Unterschied von Konventionell-Bestehendem und Letztlich-Bestehendem eine besondere Tiefe der Einsicht vorzutäuschen man sich bemüht hat. Wo im Folgenden irgendwelche Aussagen dieser Art den Kern eines Absatzes bilden, darf man getrost davon ausgehen, dass es sich bei ihnen um spätere Hinzufügungen handelt."




9-1

"Was meinst du Subhūti: Denkt ein In-den-Strom-Eingetretener: 'Ich bin ein In-den- Strom-Eingetretener!'?"

9-2

"Wirklich nicht, Herr! Denn er hat sich [ja doch] keine Gegebenheit angeeignet; und eben deswegen, [nämlich: in seinem Wissen darum, dass 'In-den-Strom-Eingetretener' ein leeres Wort ist], wird er 'In-den- Strom-Eingetretener' genannt: Keinen Gegenstand des Sehens, des Hörens, des Riechens, des Schmeckens, des Tastens, des Denkens hat er mit dieser Bezeichnung ermittelt; und eben deswegen wird er 'In-den-Strom-Eingetretener' genannt. Würde [ihm] der Gedanke: 'Ich bin ein In-den-Strom-Eingetretener!' denken, so wäre damit ein Ergreifen eines Selbst, eines Seins verbunden."

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Essler: "In gleicher Weise befragte der Bhagevan den Subhūti bezüglich des Einmal-Wiederkehrers, sodann des Nicht-Wiederkehrers, und schließlich des Arhat, und in gleicher Weise antwortete dieser jedesmal darauf, und fügte bezüglich des Arhats hinzu:"

9-8

"Warum [wäre dies mit dem Ergreifen eines Selbsts, eines Seins verbunden]? 

Herr, ich bin derjenige, auf den der Tathāgata, der Arhat, der Samyaksabuddha verwiesen hat als der Oberste von denen, die in Frieden weilen. Herr, ich bin ein Arhat, frei von Gier; und dennoch kommt mir nicht der Gedanke: 'Ich bin ein Arhat, frei von Gier!'. Denn würde mir der Gedanke: 'Ich habe die Arhatschaft erreicht!' kommen, dann hätte der Tathāgata, auf mich verweisend, nicht festgestellt: 'Subhūti, der Sohn aus guter Familie, ist der Oberste von denen, die in Frieden weilen; denn er weilt, [genau und im letztlichen Wortsinn genommen], nirgendwo. Und [eben] deswegen wird er 'In Frieden Weilender' genannt!'."



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Essler: 'Weggelassen ist hier ein Einschub, den früheren Buddha Dīpamkara betreffend."

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"Subhūti! Deswegen sollte der Bodhisattva –[als ein] Mahāsattva– [in sich] einen nicht-gestützten Geisteszustand hervorbringen, nämlich: einen Geisteszustand, der sich auf gar nichts stützt, der sich weder auf Sichtbares noch auf Hörbares noch auf Riechbares noch auf Schmeckbares noch auf Tastbares noch auf Denkbares stützt."

10-6




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Essler: 'Dass das gesamte [11] ein nachträglich erfolgter Einschub ist, bedarf wohl keiner näheren Begründung."



12-1

Essler: Wie 11



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"Welchen Namen soll diese Darlegung der Gegebenheiten erhalten, und wie also soll ich ihn in Erinnerung behalten?"

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"Diese Darlegung der Gegebenheiten, Subhūti, wird 'Die über [Alles] hinausgehende Weisheit' genannt."




14-1

Der Ehrwürdige Subhūti wurde durch diese [Darlegung der] Gegebenheiten zu Tränen gerührt. Nachdem er seine Augen getrocknet hatte, wandte er sich mit diesen Worten an den Bhagavan:

14-2

"Wunderbar ist es, o Bhagavan, ja, ganz außerordentlich wunderbar es, o Sugāta, wie trefflich der Tathāgāta diese Darlegung der Gegebenheit vorgetragen hat; denn dadurch ist in mir [die ihr entsprechende] Einsicht entstanden!"

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"[In diesem Sinn], Subhūti, sollte der Bodhisattva –[als ein] Mahāsattva–, nachdem er alle Unterscheidungen losgeworden ist, seinen Geist dahingehend entwickeln, dass er sich nicht [weiterhin] auf [das An-sich-Sein von] Gesehenem–Gehörtem–Gerochenem–Geschmecktem–Getastetem–Gedachtem stützt, dass er sich [bei seinem Denken und Sprechen] nicht auf [seinem Geist solchermaßen] Gegebenes und auch nicht auf [seinem Geist solchermaßen] Nicht-Gegebenes stützt, dass er sich dabei auf gar nichts stützt."




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Essler zu Kap 15-31: 'Vermutlich sind diese Repetitionen als Antworten auf Entgegnungen von Vertretern anderer buddhistischer Schulen entstanden."




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Dies sprach der Bhagavan. Entzückt und hocherfreut waren da der Sthavīra Subhūti, die Bhiksus und Bhiksunīs, die [sich übenden] Laien und Laiinnen, die Bodhisattvas, und alle [anderen, die diese Darlegung gleichfalls gehört hatten], über diese vom Bhagavan gegebene Unterweisung.